Kapitel 1

Die digitale Transformation und eine Vielzahl gesellschaftlicher Trends bewegen MANN+HUMMEL. Im Interview sprechen Alfred Weber und Emese Weissenbacher über die Herausforderungen, denen sich das Unternehmen in Zukunft stellen muss.

Herr Weber, Frau Weissenbacher, die digitale Transformation ist in aller Munde, Internet of Things und Industrie 4.0 sind allgegenwärtig, die globale Vernetzung nimmt zu – unsere Welt dreht sich immer schneller. Ist sie zu schnell für MANN+HUMMEL?

Alfred Weber: Keineswegs. Richtig ist, dass die unzähligen Entwicklungen im Bereich Digitalisierung viele Dinge verändern, auch für MANN+HUMMEL. Von neuen Formen der Zusammenarbeit bis zur strategischen Ausrichtung unseres Unternehmens. Wir können uns nicht zurücklehnen und darauf hoffen, dass die Welt auf uns wartet. Aus diesem Grund können wir auch nicht mehr in jahrelangen Strategiezyklen denken. Stattdessen müssen wir Projekte parallel laufen lassen und mit mehreren Bällen zeitgleich jonglieren. Das ist uns bewusst, und wir haben uns auf diese hohe Geschwindigkeit eingestellt.

Emese Weissenbacher: Das kann ich unterschreiben. Es ist eine sehr spannende Zeit, in der wir viele Dinge auf einmal angehen. Das hat nichts damit zu tun, dass wir uns nicht auf eine Sache festlegen mögen. Das Gegenteil ist richtig: Was auch immer kommt – Filtration ist gesetzt.

Sie sprachen die strategische Ausrichtung des Unternehmens an. Welche Strategie verfolgt MANN+HUMMEL in Zukunft, um der Vision „Leadership in Filtration“ gerecht zu werden?

Weber: Unsere Vision haben wir aus gutem Grund so formuliert. Wir haben schon lange erkannt, dass Filtration eine Schlüsseltechnologie ist. Diese Ansicht müssen wir nun noch intensiver nach außen tragen. Viele der gesellschaftlichen Megatrends – Gesundheits- und Umweltbewusstsein, Urbanisierung, verändertes Mobilitätsverhalten – hängen in irgendeiner Weise mit Filtration zusammen. Die Menschen wollen saubere Luft atmen, im Außenbereich wie auch in Innenräumen, sie wollen sauberes Wasser trinken und Ressourcen schonen. Filtration trennt das Nützliche vom Schädlichen. Filtration ist unsere Kernkompetenz. Das wollen wir greifbar machen. Wir werden neue Geschäftsmodelle entwickeln und neue Geschäftsfelder erschließen. Das bedeutet eine Transformation innerhalb des Unternehmens. Diese Transformation wird maßgeblich von drei Treibern beeinflusst: alternative Transportlösungen, digitale Transformation und Nachhaltigkeit. Angelehnt daran ergreifen wir schon jetzt eine Vielzahl an Maßnahmen, von denen wir überzeugt sind, dass sie MANN+HUMMEL mit Sicherheit voranbringen.

Können Sie hierfür ein Beispiel nennen?

Weissenbacher: Wir haben im vergangenen Jahr das Internet of Things Lab in Singapur eröffnet, dessen Ziel es ist, in­telligente Filtrationslösungen auf den Markt zu bringen. Unsere Mitarbeiter besitzen breite Expertise in den Bereichen Soft- und ­Hardwareentwicklung, Datenanalyse oder Informationstechnik, die sie in diesem entwicklungsstarken Umfeld einbringen können. Dazu kommt, dass das IoT Lab sehr gut eingebunden ist in unser gesamtes Entwicklungsnetzwerk und auch mit externen Wissenschaftlern, Unternehmen und Start-ups zusammenarbeitet. Das zusätzliche Know-how, das wir benötigen, muss so nicht erst intern aufgebaut werden.

Weber: Dieses „Partnerschaftsmodell“ ist ebenfalls Teil der Transformation unseres Unternehmens. Natürlich haben wir hochrangige Ingenieure und Entwickler, wir investieren nach wie vor jährlich etwa vier Prozent unseres Umsatzes in Forschung & Entwicklung, halten mehr als 3.000 Patente und arbeiten stetig daran, weitere zu entwickeln. Der Unterschied ist, dass es früher primär darum ging, sämtliches Wissen innerhalb des eigenen Unternehmens zu generieren. Mittlerweile wissen wir, dass es Menschen und Unternehmen gibt, die bestimmte Dinge schneller und effizienter entwickeln können als wir. Aus diesem Grund arbeiten wir mit externen Partnern zusammen. Und das, wie beispielsweise im Fall des IoT Labs, sehr erfolgreich.

Filtration trennt das Nützliche vom Schädlichen. Filtration ist unsere Kernkompetenz.

Alfred Weber, Vorsitzender der Geschäftsführung der MANN+HUMMEL Gruppe
Alfred Weber ist Vorsitzender der Geschäftsführung bei MANN+HUMMEL. Bevor er 2010 zu MANN+HUMMEL kam, hatte der Diplom-Kaufmann verschiedene Geschäftsbereiche beim US-amerikanischen Automobilzulieferer BorgWarner im In- und Ausland geleitet.

Neben der Zusammenarbeit mit externen Partnern wandelt sich auch die interne Zusammenarbeit. Wie sieht diese in Zukunft aus?

Weissenbacher: Wir werden zukünftig vernetzter arbeiten. Landesgrenzen spielen schon jetzt keine Rolle mehr, wir müssen uns nicht mehr an einem Ort befinden, um gemeinsame Besprechungen abzuhalten. Teilweise ist sogar die Zeitverschiebung irrelevant. Die nachfolgende Generation ist bereits heute so vernetzt und so gut informiert wie keine Generation zuvor. Und so wird das gesamte Unternehmen in Zukunft arbeiten.

Weber: Unabhängig von Zeit- und Raumgrenzen ist auch die Grenze des eigenen Aufgabenbereichs nicht mehr so eindeutig. Heutzutage ist ein Mitarbeiter nicht mehr ausschließlich in einem bestimmten Bereich tätig, sondern arbeitet mit anderen an übergreifenden Themen. Mittlerweile geht es nicht mehr darum, was das nächste Produkt ist. Es geht darum, zu überlegen, was der Kunde will und was ein neues Geschäftsmodell sein könnte. Auch das erfordert ein Umdenken bei uns und bei den Mitarbeitern.

Weissenbacher: Uns ist klar, dass dadurch teilweise Unsicherheiten aufkommen, das spüren wir auf allen Ebenen. Das Wichtigste ist, offen mit allen darüber zu sprechen, welche Themen uns bewegen und wie wir mit diesen Themen umgehen wollen. Und nicht zuletzt, sie als Herausforderung und Chance zu begreifen.

Es sind nicht nur gesellschaftliche Trends oder die digitale Transformation, die das Unternehmen derzeit bewegen. Welchen Einfluss haben politische oder wirtschaftliche Entwicklungen auf die Ausrichtung von MANN+HUMMEL? Man denke an den Brexit, die protektionistischen Tendenzen der neuen US-Regierung oder das langsamere Wachstum in China und die Rezession in Brasilien.

Weissenbacher: Wir beobachten diese Entwicklungen, aber konkrete Auswirkungen auf das Geschäftsergebnis sind schwer vorauszusehen. Für uns gibt es keinen Grund, in Hektik zu verfallen. Wir sind es gewohnt, in Szenarien zu denken, und können uns auf veränderte Rahmenbedingungen einstellen.

Weber: Allgemein ist es nicht unbedingt positiv, dass Politik und Gesetzgebung immer mehr die Rolle von Markt und Kunde übernehmen. Aber wenn man die letzten 76 Jahre unserer Unternehmensgeschichte betrachtet, gab es immer irgendwo auf der Welt solche Entwicklungen. Auch wenn sie momentan sehr geballt auf uns zukommen, bisher konnten wir damit immer umgehen. Bei über 70 Standorten unseres Unternehmens ist die Wahrscheinlichkeit, dass überall die gleichen idealen Bedingungen herrschen, relativ gering. Unsere Strategie setzt daher weiterhin auf Wachstum und Wettbewerbsfähigkeit.

Wir begreifen die Veränderungen als Chance und gehen sie gemeinsam an.

Emese Weissenbacher Kaufmännische Geschäftsführerin der MANN+HUMMEL Gruppe
Emese Weissenbacher ist seit Juli 2015 Kaufmännische Geschäftsführerin der MANN+HUMMEL Gruppe. Die Diplom-Kauffrau ist seit 1994 im Unternehmen und war nach Positionen in verschiedenen Abteilungen zuletzt als Group Vice President Europe für insgesamt sieben Werke und etwa 3.000 Mitarbeiter in Europa verantwortlich.

Im Hinblick auf Wettbewerbsfähigkeit ist es wichtig, die hohen Qualitätsanforderungen von Kunden und Geschäftspartnern zu erfüllen. In den letzten Jahren haben sich diese Anforderungen auch in Bezug auf Corporate-Responsibility- Richtlinien erhöht. Welchen Stellenwert hat das Thema bei MANN+HUMMEL?

Weber: In unserer gesamten Unternehmensgeschichte haben wir immer gelebt, was heute mit dem Begriff Corporate Re­sponsibility gemeint ist: schonend mit Ressourcen umzugehen, die Mitarbeiter fair und sozial zu behandeln, das Umfeld unserer Standorte zu schützen und die Partnerschaft zu den jeweiligen Städten zu fördern sowie letztendlich auch wirtschaftlich erfolgreich zu sein. Diese Anforderungen sind nichts Neues für uns. Was wir nun im nächsten Schritt tun, ist, diesen Aktivitäten einen Rahmen zu geben und sie in Form einer Strategie auf Papier zu bringen. Daran arbeiten wir derzeit intensiv.

Wachstum und Wettbewerbsfähigkeit waren auch die Gründe für die größte Transaktion der Unternehmensgeschichte im vergangenen Jahr. Mit der Übernahme des weltweiten Filtrationsgeschäfts der Affinia Group ist MANN+HUMMEL um 4.500 Mitarbeiter und zehn Standorte gewachsen und hat sein Portfolio stark erweitert. Wie blicken Sie auf die Übernahme zurück?

Weissenbacher: Durch die Übernahme ist MANN+HUMMEL zu einem neuen Unternehmen geworden. In dieser Dimension gab es keine Erfahrung, das stimmt. Aber im Grunde ist es egal, wie groß die Akquisition ist, denn das Vorgehen ist immer ähnlich. Wir haben uns lange und intensiv auf diese Transaktion vorbereitet, wie wir das bei jeder Übernahme machen. Die Geschäftsentwicklung entspricht vollkommen unseren Erwartungen.

Weber: Am Ende wird es auf die Mitarbeiter ankommen, ob ein solcher Zusammenschluss erfolgreich ist oder eben nicht. Wir wurden mit sehr viel Herzlichkeit von den neuen Kollegen begrüßt und aufgenommen, und beide Seiten haben gespürt, dass sie ein gemeinsames Ziel verfolgen: „Leadership in Filtration“. Das hat vieles vereinfacht.

Auf der Bilanzpressekonferenz im vergangenen Jahr sahen die Prognosen für das Geschäftsjahr 2016 eher verhalten aus. Haben sich diese Prognosen bestätigt?

Weissenbacher: Wir sind operativ mit dem Geschäftsjahr zufrieden. Das letzte Quartal hat uns viel Rückenwind gegeben, und wir konnten unsere Prognosen einhalten.

Wie ist Ihr Ausblick auf 2017?

Weber: 2017 ist bereits zum jetzigen Stand ein sehr spannendes Jahr. Themen wie die digitale Transformation, Nachhaltigkeit, Wachstum und Wettbewerbsfähigkeit bewegen uns heute und werden einige Umstellungen erfordern. Wachstum geht nicht ohne Veränderung – das wissen auch die über 20.000 Veränderer, die heute bei uns arbeiten. Ich bin mir sicher, dass wir 2017 auf einem sehr guten Weg sind.

Vielen Dank für das Interview.