Kapitel 2

06:00 Uhr in Gostyn. Am polnischen Standort von MANN+HUMMEL Filtration Technology ist Schichtwechsel. Seit einigen Monaten erst gehört das Werk zu MANN+HUMMEL und ist damit Teil eines weltweiten Projekts der Einbindung 4.500 neuer Mitarbeiter nach der größten Transaktion in der Unternehmens­geschichte. Das Team, das die Zusammenführung betreut, ist heute vor Ort.

“Wenn ich die Kollegen hier wiedersehe, freue ich mich jedes Mal. Sie sind alle so herzlich.“ Danielle Silvester lächelt. Die Herzlichkeit, von der sie bei ihren polnischen Kollegen spricht, steht auch ihr ins Gesicht geschrieben. Ihre großen blau-grünen Augen strahlen und überdecken die Müdigkeit, die sie eigentlich verspüren müsste. Es ist früh am Morgen und Silvester ist nach acht Stunden Fahrt am Vortag und einer kurzen Nacht in der Wroclawska 145 in Gostyn, Polen, angekommen. Hier befindet sich das Werk von MANN+HUMMEL Filtration Technology Polen. Rund 1.950 Menschen arbeiten am Standort Gostyn, der erst seit Mai 2016 zur MANN+HUMMEL Gruppe gehört.

Eine historische Transaktion

Rückblick: 2016 übernimmt MANN+HUMMEL das weltweite Filtrationsgeschäft der US-amerikanischen Affinia Group und tätigt damit die größte Transaktion in der Geschichte des deutschen Familienunternehmens. MANN+HUMMEL erweitert dadurch sein Produktportfolio um die Marken WIX Filters und FILTRON und entwickelt sich zu einem neuen Unternehmen. Denn neben den beiden Produktmarken werden am 4. Mai 2016 mehr als 4.500 neue Kollegen auf einen Schlag Teil der Unternehmensgruppe. Damit arbeiten nun mehr als 20.000 Mitarbeiter an über 70 Standorten für den Filtrationsspezialisten, unter anderem auch im polnischen Gostyn.

Danielle Silvester ist zum dritten Mal in diesem Jahr hier. Als Projektmanagerin im Post-Merger-Aktivitäten-(PMA-)Team befasst sie sich mit dem Zusammenwachsen der neuen Standorte und der Kollegen mit dem Mutterkonzern, insbesondere für die Standorte in Europa, sowie mit den Bereichen Human Resources und Kommunikation. Silvester unterstützt die einzelnen PMA-Teams dabei, die Expertise von MANN+HUMMEL für ihre Themen zu nutzen und dem Zusammenschluss so zu nachhaltigem Erfolg zu verhelfen.

Interview
Danielle Silvester
Danielle Silvester spricht im Videointerview über ihre persönlichen Höhepunkte beim Zusammenschluss von MANN+HUMMEL und der Affinia Group.

Es ist eine Herkulesaufgabe, der sie sich gemeinsam mit ihren Teamkollegen stellt. Mit dem deutschen Unternehmen MANN+HUMMEL und dem US-amerikanisch geprägten neu erworbenen Geschäftsbereich Wix-Filtron treffen zwei sehr unterschiedliche Unternehmenskulturen aufeinander. Dass dies eine große Rolle bei der Zusammenführung spielt, ist auch Silvester bewusst. „Die Kultur beeinflusst die Art und Weise, wie man arbeitet. Jeder hat eine andere Herangehensweise an Aufgaben, jeder hat seine Stärken. Diese müssen wir herausfinden, um gemeinsam noch erfolgreicher zu arbeiten als bislang einzeln. Das ist anspruchsvoll, aber sicher nicht unmöglich.“

Das kulturelle Zusammenwachsen ist ein besonderes Thema für Silvester. Auch – oder gerade weil – sie im Privatleben selbst damit konfrontiert ist: Silvester ist gebürtige Kanadierin und hat die meiste Zeit ihres Lebens im multikulturellen Umfeld in der Nähe von Ottawa verbracht. Seit mittlerweile sieben Jahren lebt die erst 28-Jährige allerdings in Deutschland. Hier hat sie nach zwei Auslandssemestern in Stuttgart und dem Masterstudium in München eine zweite Heimat gefunden.

Kulturelle Herausforderungen

Silvester spricht die deutsche Sprache fließend. Ihr kanadischer Akzent ist hörbar, aber es schwingen auch schwäbische Einflüsse mit. Kein Wunder, lebt sie doch mit ihrem Ehemann im Stuttgarter Umland und arbeitet seit vier Jahren bei MANN+HUMMEL in Ludwigsburg. „Sicher kann man internationale Zusammenarbeit und kulturelle Unterschiede in der Theorie erlernen, aber aus eigener Erfahrung weiß ich, wie wichtig es ist, sich auch vor Ort auf die andere Kultur einzulassen, um sich integriert zu fühlen und es vor allem auch zu sein“, betont Silvester. „Und natürlich braucht man viel Geduld.“

Gemeinsam kann man viel mehr erreichen. Die besten Ergebnisse erzielen wir im Team.

Danielle Silvester, Projektmanagerin Post-Merger Actitivies MANN+HUMMEL
Interview
Ralph Müller
Ralph Müller erläutert die größten Herausforderungen bei der Zusammenführung zweier Unternehmenskulturen.

Ralph Müller, Director Post-Merger-Aktivitäten, ist heute ebenfalls in Gostyn. Er stimmt Silvester zu: „Kultur entsteht durch die Interaktion von Menschen, das gilt im Privat- wie im Geschäftsleben. Bei dem Zusammenschluss müssen wir uns die Zeit nehmen, um zu verstehen, was die Kultur bei Wix-Filtron und MANN+HUMMEL ausmacht. Erst dann können wir die jeweiligen Stärken herausarbeiten und für uns nutzen.“

Daran arbeitet Müller gemeinsam mit Silvester, den Kollegen aus dem PMA-Office und den PMA-Teams verschiedener Abteilungen. Müller leitet die einzelnen Teams an und koordiniert die Planung, Nachverfolgung und Berichterstattung der weltweiten Post-Merger-Aktivitäten.

Vieles geschieht vom amerikanischen Hauptsitz des Geschäftsbereichs in Gastonia, North Carolina, aus – vieles aber auch von unterwegs oder direkt vor Ort an den jeweiligen Standorten. Das Reisen gehört für Müller daher zum Tagesgeschäft. „Es ist fast schon eine Verbesserung zu vorher“, sagt er lachend.

Bevor Müller zusammen mit seiner Frau und seinen beiden Kindern in die USA zog, war er als Manager Engineering, Technical Services und Operations, unter anderem in Bad Harzburg und Sonneberg, tätig. Nach seinem Berufseinstieg in der Motorenentwicklung kam der Diplom-Ingenieur nach sieben Jahren in der Applikationsentwicklung und im Technischen Vertrieb von BorgWarner zu MANN+HUMMEL.

Die jahrelange Erfahrung im Projektmanagement merkt man Müller an. Souverän und ruhig spricht der 35-Jährige über die Integrationsaufgabe, die MANN+HUMMEL jetzt und in den nächsten Monaten zu meistern hat. Er weiß: Es können viele Faktoren Einfluss auf den Erfolg einer Unternehmensübernahme haben. Sei es die Identifikation mit dem neuen Unternehmen, die langfristige Geschäftsstrategie oder eben die Unternehmenskultur. „Diese Faktoren müssen wir zunächst einmal identifizieren, um positiv darauf Einfluss nehmen zu können“, so Müller.

Unsere Mitarbeiter entscheiden, ob wir erfolgreich sind oder nicht.

Ralph Müller, Director Post-Merger Activities MANN+HUMMEL

Doch es zählt nicht nur das, was auf dem Papier steht. „Am Ende ist entscheidend, was die Mitarbeiter tun. Wir wollten den Kollegen von Anfang an viel Verantwortung lassen und von ihren Erfahrungen profitieren. Schließlich sind es die Mitarbeiter, die entscheiden, ob wir erfolgreich sind oder nicht“, erklärt Müller. „Neben der übergeordneten Integration muss auch das Tagesgeschäft weitergehen. Das ist eine Herausforderung. Wir müssen als globales Team zusammenarbeiten und uns immer wieder mit den Kollegen austauschen.“

Wir sprechen die gleiche Sprache. Wir sind alle Filtrationsexperten.

Sigfrid Steiner, Group Vice President & General Manager Wix-Filtron Europe
Interview
Sigfrid Steiner
Sigfrid Steiner wirft einen Blick auf die zukünftige Entwicklung von MANN+HUMMEL Filtration Technology.

Heute findet der Austausch mit Sigfrid Steiner statt. Der Group Vice President & General Manager Wix-Filtron Europe hat im Frühjahr 2016 seinen Lebensmittelpunkt nach Polen verlegt – an den Dreh- und Angelpunkt des europäischen Wix-Filtron Geschäfts. Mit seinem Umzug setzt Steiner ein klares Zeichen im Dienste des Zusammenschlusses. „Man muss möglichst viel vor Ort sein, um die Arbeit im Sinne des Unternehmens umsetzen zu können. Natürlich bedeutet das eine gewisse Umstellung und man muss sicherlich offen für Neues sein. Aber ich fühle mich hier sehr wohl und die Zusammenarbeit klappt reibungslos.“ Offen für Neues ist der 61-jährige Diplom-Kaufmann seit jeher. Nach 14 Jahren in verschiedenen Führungspositionen im Automobilen Ersatzgeschäft der Robert Bosch GmbH wechselte Steiner im Jahr 2000 zu MANN+HUMMEL. Hier leitete er fast 16 Jahre lang den Geschäftsbereich Automotive Aftermarket. In dieser Funktion war er als Projektleiter verantwortlich für die Akquisitionen der Helsa GmbH, von Purolator Filters und zuletzt der Affinia Group.

Die Begeisterung für seine neue Tätigkeit in Polen und für seine neuen Kollegen merkt man ihm ohne Weiteres an. „Ich finde es faszinierend, wenn Mitarbeiter aus verschiedenen Standorten zusammentreffen und sich auf Anhieb gut verstehen, weil sie dieselbe Sprache sprechen. Das hat nichts mit Polnisch, Deutsch oder Englisch zu tun. Aber wir alle sind Filtrationsexperten, die gleich zum Punkt kommen.“

Und auch Steiner kommt gleich zum Punkt: „Vertrauen. Teamwork basiert immer auf Vertrauen. Dieses persönliche Vertrauensverhältnis muss sich über eine gewisse Zeit entwickeln. Wenn das Vertrauen dann da ist, kann auf dieser Basis eine sehr gute und erfolgreiche Zusammenarbeit entstehen. Genau das ist bei uns der Fall.“

Gemeinsam mehr erreichen

Das ist eine Ansicht, die auch Danielle Silvester teilt. „Egal, ob zu Hause im Privatleben oder auf der Arbeit. Teamwork ist und bleibt das A und O. Gemeinsam kann man viel mehr erreichen als allein, das habe ich immer wieder erlebt. Dein Umfeld bringt Stärken hervor und füllt Lücken in den Bereichen, in denen man eventuell Schwächen hat. Die besten Ergebnisse erzielen wir im Team.“

Das globale Team von MANN+HUMMEL und Wix-Filtron funktioniert reibungslos – und das trotz der ehemaligen Rivalität zwischen den Unternehmen. „Wir können in allen Bereichen sehr gut zusammen­arbeiten. Die Kollegen hier sind offen und ehrlich, das wissen wir zu schätzen. Und es ist wirklich toll zu sehen, dass wir, obwohl wir vor der Akquisition noch Wettbewerber waren, an einem Strang ziehen“, betont Silvester. „Wir arbeiten zusammen, als wäre es vorherbestimmt.“